
In der Fußgängerzone am so genannten Kandelaber steht eine Bronzestatue in Originalgröße von einer kleinen buckligen Frau mit Schirm - heute ein begehrtes Fotomotiv für Besucher.
Wer war diese Frau? Eigentlich hieß sie Margarete Scherschlicht – und lebte nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Greta, so ihr Rufname, wurde am 31. August 1906 in Benzweiler geboren. Ihre Eltern waren Nikolaus Scherschlicht und Maria, geborene Ketzer. Die kleine Greta war noch keine 2 Jahre alt, da starb ihre Mutter, ein Jahr später ihr Vater. Ihre 2 Geschwister wurden in der Verwandtschaft untergebracht und sie kam als Dreijährige in das Katholische Waisenhaus nach Rheinböllen, einer ehemaligen Stiftung von Puricelli. Im Jahre 1920, als sie gerade 14 Jahre alt wurde, übernahm man sie dort als Hausgehilfin. Hier hatte sie auch ihre längste Arbeitsstelle bis 1942. Danach folgten viele Arbeitsstellen als Hausgehilfin, die oft nur ¼ Jahr lang dauerten und später sogar nur als Stundenhilfe.
Wie kam es nun dazu, dass diese arme Frau zu einem Simmerner Original wurde und „Zementgretche“ genannt wurde? Man schrieb den 7. Oktober 1951, es war ein Sonntag gegen 1800 Uhr, als ein LKW mit Zement beladen die Bingener Straße herunter fuhr. Bei dem LKW versagten die Bremsen und er raste ungebremst in das Hotel Hirsch. Margarete Scherschlicht, die zufällig dort auf der Straße ging, wurde von der Zementladung verschüttet.. Laut Bericht der Hunsrücker Zeitung vom 8.10.1951 gab es 2 Leichtverletzte und 2 Tote. Zu den Leichtverletzten zählten Greta und der Fahrer des Unglückswagens. Die 2 Toten waren ein Ehepaar aus Koblenz, das zufällig dort mit seinen Fahrrädern fuhr. Der LKW-Fahrer hatte 2 junge Pfadfinder aus Simmern als Anhalter mitgenommen, die noch rechtzeitig vom Fahrzeug abspringen konnten.
Margarete Scherschlicht erhielt eine kleine Unfallrente. Nach dem Unfall wurde sie immer sonderlicher. Sie kleidete sich gerne in kindliche, grelle Farben und trug stets einen roten Schirm mit sich, oft auch einen Stock. So sah man über Jahrzehnte die kleine Frau mit dem Buckel im Simmerner Stadtbild. Mit ihrer kleinen, hutzeligen Gestalt und ihrem manchmal borstigen Auftreten war sie oft gemeinen Spötteleien besonders der Kinder ausgesetzt. Mit dem Schirm drohte und schimpfte sie oft den hänselnden Kindern hinterher.
Mit 87 Jahren starb sie am 24. Januar 1994 auf dem Schmiedel im Pflegeheim. Zur Familie Birk hatte sie ein besonderes Verhältnis. Zu ihrem Gedenken ließ die Familie Birk am 26. August 1994 die Bronzestatue des Zementgretchens vor ihrem Optik-Geschäft errichten.
Wilfried Theiß